Warum Überwässerung zu den größten Anbaufehlern gehört – und wie du sie vermeidest
Richtig Gießen ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, die du beim Anbau von Cannabis beherrschen solltest – sei es im Indoor-Grow oder unter freiem Himmel. Dabei ist weniger oft mehr. Gerade Anfänger machen häufig denselben Fehler: Aus Sorge, die Pflanzen könnten verdursten, wird viel zu oft gegossen. Die Folge ist nicht etwa ein gesunder Durstlöscher – sondern eine regelrechte Stressreaktion der Pflanze.
Überwässerung ist einer der häufigsten, aber auch einer der folgenschwersten Fehler beim Cannabisanbau. In diesem Beitrag erfährst du im Detail, warum zu viel Wasser schädlich ist, welche Anzeichen du beachten solltest und wie du deine Gießroutine optimierst.

Warum ist Überwässerung so problematisch?
Pflanzen brauchen Wasser – aber eben nur in einem bestimmten Maß. Besonders Cannabispflanzen sind empfindlich, wenn es um das Gleichgewicht zwischen Wasser und Sauerstoff in der Wurzelzone geht. Wird dieses Gleichgewicht durch ständiges Gießen gestört, entstehen Probleme, die sich tief im Substrat abspielen – lange bevor sie an der Oberfläche sichtbar werden.
1. Wurzeln brauchen Luft zum Atmen
Was viele nicht wissen: Pflanzenwurzeln benötigen genauso wie Blätter Sauerstoff zur Energiegewinnung. Dieser Prozess nennt sich zelluläre Atmung – und ohne ihn kann die Pflanze keine Nährstoffe aufnehmen oder verarbeiten.
Ein gesundes Pflanzensubstrat besteht daher zu einem großen Teil aus luftgefüllten Hohlräumen. Wenn du zu oft gießt, verdrängt das Wasser die Luft aus diesen Poren – der Sauerstoffgehalt sinkt dramatisch. Die Folge: Die Wurzelzellen verlangsamen ihren Stoffwechsel, das Wurzelwachstum stagniert, und die Pflanze bekommt Stress.
2. Einladende Bedingungen für Krankheitserreger
Ein dauerhaft feuchter Wurzelbereich ist ein ideales Biotop für schädliche Mikroorganismen. Besonders gefährlich sind anaerobe Pilze und Bakterien, die unter Luftabschluss gedeihen. Dazu gehören u.a.:
- Pythium spp. – verursacht Wurzelfäule und ist im Indoorbereich weit verbreitet
- Fusarium spp. – zerstört nicht nur Wurzeln, sondern kann sich im gesamten Leitgewebe ausbreiten
- Rhizoctonia spp. – greift junge Pflanzen oder Keimlinge an und lässt sie binnen weniger Tage absterben
Diese Erreger zerstören zuerst die feinen Wurzelspitzen, dann größere Wurzelbereiche. Die Pflanze kann keine Nährstoffe mehr aufnehmen – sie „verhungert“, obwohl die Erde feucht und gedüngt ist.
3. Störungen im Nährstoffhaushalt
Ein weiterer kritischer Punkt: In zu feuchtem Substrat kann es zur sogenannten Nährstoffblockade (Lockout) kommen. Das bedeutet, dass bestimmte Mineralien – vor allem Calcium, Magnesium, Kalium und Eisen – nicht mehr aufgenommen werden können, weil der pH-Wert kippt oder weil die Wurzel schlicht zu schwach ist, um zu arbeiten.
Gleichzeitig können durch die Zersetzung organischer Substanz in übernassem Boden giftige Stoffwechselprodukte entstehen (z. B. Alkohol, Ammoniak), die die Wurzel zusätzlich schädigen. Das System wird sauer, faulig und biologisch instabil.
4. Wachstumshemmung und hormonelles Ungleichgewicht
Eine übergossene Pflanze steht unter Dauerstress. Das wirkt sich nicht nur auf das Wurzelwachstum aus, sondern auch auf das hormonelle Gleichgewicht innerhalb der Pflanze. Insbesondere der Gehalt an Cytokininen und Auxinen – zwei Wachstumshormonen – gerät aus dem Lot. Das führt zu Symptomen wie:
- Kleinwüchsigkeit
- überdehntem, instabilem Wuchs
- unregelmäßiger Blattentwicklung
- gestörter Bildung von Blütenvorstufen
Cannabispflanzen reagieren darauf mit Verzögerung – oft vergehen mehrere Tage, bis sich der Schaden zeigt. Doch ist er einmal sichtbar, ist der Heilungsprozess langwierig.
5. Wurzelsterben statt Wurzelwachstum

Pflanzenwurzeln wachsen auf der Suche nach Wasser und Nährstoffen in trockene Bereiche hinein. Wird der gesamte Topf ständig nass gehalten, hat die Pflanze keinen Anreiz, neue Wurzeln zu bilden. Stattdessen beginnen bestehende Wurzeln zu degenerieren – ein Rückgang der „Wurzelmasse“ ist die Folge.
Weniger Wurzelmasse bedeutet:
- Weniger Nährstoffaufnahme
- Geringere Wasseraufnahme trotz Feuchtigkeit
- Schwächere Pflanze mit kleineren, weniger aromatischen Blüten
Typische Folgen einer Überwässerung
1. Wurzelfäule (Root Rot)
Die wohl gefährlichste Konsequenz: In dauerhaft feuchten Böden können sich anaerobe Bakterien und Pilzsporen wie Pythium oder Fusarium ungehindert vermehren. Die Wurzeln beginnen zu verfaulen, sie verfärben sich dunkel, werden schleimig und verlieren ihre Funktion. Die Pflanze stirbt langsam von unten nach oben ab.
2. Wachstumsstörungen
Pflanzen, die regelmäßig zu viel Wasser bekommen, zeigen oft ein verlangsamtes oder völlig gestopptes Wachstum. Neue Blätter bleiben klein, internodale Abstände verlängern sich, die Pflanze „streckt“ sich auf der Suche nach besseren Bedingungen. Oft entsteht dabei eine instabile, kraftlose Struktur.
3. Nährstoffmängel trotz Düngung
Der gestörte Gasaustausch in der Wurzelzone beeinträchtigt die Fähigkeit der Pflanze, Nährstoffe aufzunehmen. Das Ergebnis sind Mangelsymptome wie Chlorosen (gelbe Blätter), violette Stängel oder Blattverformungen – obwohl eigentlich genug Dünger vorhanden wäre. Besonders häufig tritt ein sogenannter „Lockout“ auf: Die Nährstoffe sind da, können aber nicht mehr aufgenommen werden.
4. Stressreaktionen & Krankheitsanfälligkeit
Dauerhaft gestresste Pflanzen entwickeln ein geschwächtes Immunsystem. Sie werden anfällig für Schädlinge wie Trauermücken, Spinnmilben oder Mehltau, die sonst keine Chance gehabt hätten. Besonders Trauermücken fühlen sich in nassem Substrat wohl und legen ihre Eier direkt in die Wurzelzone.
5. Ernteverluste
Schwache Pflanzen liefern geringe Erträge mit minderwertigen Blüten. Aroma, Wirkstoffgehalt (THC/CBD) und Blütengröße leiden unter schlechter Wurzelgesundheit. Wer zu viel gießt, riskiert am Ende eine enttäuschende Ernte.
Wie erkenne ich Überwässerung?

Hier die häufigsten Symptome einer übergossenen Cannabispflanze:
- Schlaffe, hängende Blätter, obwohl der Boden nass ist
- Gelbliche Verfärbungen, vor allem an den unteren Blättern
- Blattkräuselung oder „Clawing“ – die Blätter rollen sich nach unten
- Muffiger oder fauliger Geruch aus dem Substrat
- Pilzbefall oder Algenwuchs an der Oberfläche
- Topf fühlt sich dauerhaft schwer an, kaum Austrocknung spürbar
- Trauermückenbefall – ein klares Zeichen für zu nasses Substrat
Achtung: Diese Symptome ähneln teils denen eines Nährstoffmangels oder einer Unterwässerung. Der Unterschied: Bei Überwässerung sind die Blätter weich und schlaff, bei Trockenheit eher knusprig und spröde.
Wie oft soll ich meine Pflanzen gießen?
Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten – es kommt auf viele Faktoren an:
- Topfgröße
- Substratzusammensetzung
- Temperatur & Luftfeuchtigkeit
- Wachstumsstadium der Pflanze
- Lichtintensität
Die wichtigste Regel lautet:
Nicht nach Kalender, sondern nach Bedarf gießen!
Praxis-Tipps: So vermeidest du Überwässerung
1. Fingerprobe
Stecke den Finger 3–5 cm tief in die Erde. Fühlt es sich dort noch feucht an, warte lieber noch. Nur bei trockener Oberfläche UND trockener Tiefe solltest du erneut gießen.
2. Topfgewicht lernen
Hebe den Topf regelmäßig an – ein trockener Topf ist deutlich leichter als ein nasser. So entwickelst du ein Gefühl dafür, wann deine Pflanze wieder Wasser braucht.
3. Durchdringendes Gießen statt ständigem Nachschütten
Wenn du gießt, dann richtig: Gieße so viel, bis unten ein leichter Wasserüberschuss aus den Abzugslöchern austritt – aber warte dann auch, bis die Erde wieder gut abgetrocknet ist.
4. Gute Drainage sicherstellen
Benutze Töpfe mit Löchern am Boden und lockere, luftige Substrate mit Drainagematerialien wie Perlite, Kokos oder Blähton. Staunässe muss unbedingt vermieden werden.
5. Gießintervalle verlängern
Gerade in der Wachstumsphase benötigen die Pflanzen weniger Wasser als in der Blüte. Es ist völlig in Ordnung, wenn die Erde mal ein bis zwei Tage richtig trocken wird – das regt sogar das Wurzelwachstum an.
6. Vorsicht bei Automatischen Bewässerungssystemen
Diese Systeme sind hilfreich, aber oft falsch eingestellt. Auch hier gilt: lieber eine Trockenphase zulassen, als dauerhaft zu viel Wasser zuzuführen.
Fazit: Weniger ist mehr
Die Überwässerung ist ein klassischer Anfängerfehler – aber selbst erfahrene Grower tappen immer wieder in die gleiche Falle. Wer die Bedürfnisse seiner Pflanzen liest und mit Bedacht gießt, schafft die Grundlage für vitale Pflanzen, gesunde Wurzeln und eine erfolgreiche Ernte.
Beobachte deine Pflanzen, lerne aus den Signalen, die sie dir geben, und entwickle ein Gefühl für den richtigen Zeitpunkt. So machst du einen der wichtigsten Schritte zum Profi-Grower.